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Der sagenhafte Herr Hollenstein

Erschien in der Basler Zeitung (BAZ) am 21.06.2008

Im Toggenburg lebt der letzte Handsticker der Schweiz

Der 72jährige Bernhard Hollenstein aus der Ostschweiz kann etwas, was hierzulande fast niemand mehr beherrscht und was doch einmal den wichtigsten Wirtschaftszweig der Schweiz ausmachte: Er ist einer der letzten Handmaschinensticker.

Von Herrn Hollenstein geht die Sage: Irgendwo auf dem Land in der Ostschweiz gebe es «einen uralten Mann», der habe die Ära der Handstickerei in der Schweiz noch miterlebt. Die Hochblüte jener Industrie, die der Schweizer Wirtschaft vor gar nicht so langer Zeit mehr Geld brachte als Uhren und Banken zusammen. Vor dem ersten Weltkrieg wurden fast fünfzig Prozent der gesamten Weltproduktion an kostbaren Spitzen in der Ostschweiz produziert. Milliardärsgattinnen in Amerika und der gesamte Adel Europas waren verrückt nach der unfassbaren Feinheit der Stickereien aus der Eidgenossenschaft. 1829 war die halbmechanische Handstickmaschine erfunden worden. Zehntausende von Ostschweizer Bauern liessen sich zu Handstickern ausbilden, um mit Heimarbeit dazuzuverdienen. Und so stellt man sich den sagenhaften Herrn Hollenstein als eine Art menschliches Fossil vor. Unsagbar alt, kaum noch Fleisch und Blut, ein verblichener Hauch aus einer frühindustriellen Welt, die schon vor vielen Jahrzehnten untergegangen ist. Dann öffnet er die Tür seines dreihundertjährigen Holzhäuschens in einem Weiler im Toggenburg, und alles ist ganz anders.

TROCKENER WITZ. «Grüezi wohl, das ist aber ein grosses Auto», sagt er mit feiner Stimme, als der riesige, wüstenerprobte Jeep der Fotografin auf den Vorplatz fährt. «So eines hätte ich ja auch gerne. » Er lächelt still. Erst später, als man ihn ein bisschen besser kennt, versteht man, dass das einer seiner leisen, trockenen Witze war. «Zuerst wollen Sie sich ja vielleicht ein bisschen umsehen», sagt er und geht voraus. Die Räume sind schmal und eng. Hollensteins Vater hatte das Haus 1929 gekauft, bevor er eine Familie gründete. Bernhard wurde 1936 in diesem Haus geboren «auf der Ofenbank».

Er führt uns in den niedrigen Raum links des Eingangs. An den Wänden stapeln sich Kartons mit Spitzenwaren bis an die niedrige Decke. Davor stehen drei prächtige historische Motorräder. Das älteste stammt aus den Vierzigerjahren, es gehörte Hollensteins Vater. «Die Töffs sind mein Hobby und die Bienli im Stock nebenan.» In dem Raum betrieb Hollensteins Mutter früher ein Krämerlädeli für die Bewohner des Weilers. «Davon hat die Familie gelebt.» Drei Buben hatten die Hollensteins, Bernhard ist der jüngste. Die Stickerei hat nie genug für ein bequemes Leben eingebracht. Es war anstrengende, aufwendige Arbeit. Aber sie bot den Stickern einen Anreiz: «Man hatte seine Ruhe und konnte selbstständig arbeiten.» Kinderarbeit gehörte in der Stickerei zu allen Zeiten dazu. «Wir mussten vor allem beim Einfädeln helfen, weil wir feinere Hände hatten.»

SCHÖNE WELT. Heute ist Bernhard Hollenstein der Besitzer seines Elternhauses. Die Zimmer sehen fast alle noch so aus wie zu Zeiten seiner Kindheit. «So gefällt es mir am besten. » Er öffnet die Tür zu seiner Schlafkammer. Ein niedriger, holzgetäfelter Raum mit einer alten Bettstatt, die Bettwäsche natürlich mit einer gestickten Borte verziert. «Kommen Sie nur herein!» Er öffnet die Fensterflügel. Eine Wolke würziger Toggenburger Luft strömt mit der Nachmittagssonne herein. Die Vögel singen und die Kühe bimmeln. Sonst ist nichts zu hören. Eine Ruhe wie damals, als Autobahnen und elektronische Lärmquellen noch nicht erfunden waren. Es ist, als würde sich dieses Fenster in eine andere Zeit öffnen. «Hier schaue ich manches Mal hinaus und denke, das ist schon eine schöne Welt. »

Unter dem Dach ist das «Museum»: ein Raum, in dem sich Hunderte von Musterbüchern und Tausende von Stickvorlagen schichten. Hier hat man das Gefühl, an der Quelle von etwas zu sein, ohne genau zu wissen, wovon eigentlich. Vielleicht von einer Zeit, als die Dinge noch von Hand gemacht wurden. In diesem Umfeld fällt es leicht, einer vor und frühindustriellen Romantik auf den Leim zu gehen. Das älteste Musterbuch, in dem kostbare Spitzenborten auf mürbem Papier kleben, stammt von 1870. Darin blättert Hollenstein immer wieder €“ «bis nur noch Spitzen und kein Papier mehr übrig sind». Er hat es von einem Bekannten bekommen, dem es bei einer Haushaltsauflösung zufiel. Ich habe ihn gefragt: «Bist du sicher, dass du mir das geben willst? Das ist einiges wert?» Aber er wollte es so.

BERÜHMTES KROKODIL. Die Musterzeichnungen für gestickte Abzeichen sehen aus wie Baupläne. Das Motiv für die Maschine ist sechsfach vergrössert, die einzelnen Fadenläufe sind eingezeichnet. Auch die Originalzeichnung des berühmten Lacoste Krokodils ist dabei. «Das hat mein Vater ab 1957 gestickt. »

Eigentlich hatte Bernhard Hollenstein Postautomechaniker werden wollen. «Aber dazu hätte ich Mechaniker lernen müssen. Und dafür hätte ich in die Sekundarschule gehen müssen. Aber die nahm keine Stickerkinder aus dem Tal, die hatte selbst genug.» Das habe er sein ganzes Leben lang fast nicht verdauen können, sagt er. Vielleicht hält er auch darum an der Welt seiner Kindheit fest. Heute kann er hier die Regeln bestimmen. Mit 16 ging er nach St. Gallen in eine Textilfabrik in die Lehre. Am meisten hätte ihn dort das Büro interessiert. Aber als die Lehrmeister hörten, dass er Stickerbub war, schickten sie ihn gleich in die Fabrikhalle. Hollenstein blieb der Firma vierzig Jahre als «Fergger» treu. Das ist eine Art Zwischenglied zwischen Fabrikanten und Heimarbeiter. Mitte des 20. Jahrhunderts erlebte die Stickerei in der Ostschweiz noch einmal einen Aufschwung. Regelmässig fuhr Bernhard Hollenstein damals in die Täler zu den Stickern, um ihnen neue Vorlagen und Materialien zu bringen und die fertige Ware abzuholen. Wenn jemand neu mit der Stickerei anfing und die Maschine geliefert bekam, quartierte sich Hollenstein ein paar Wochen lang bei den Familien ein «natürlich bezahlte ich Kost und Logis selbst», um die Sticker in das Handwerk einzuführen und ihnen den Umgang mit der Maschine beizubringen. Seine eigene Handstickmaschine, ein Modell von 1890 steht im «Lokal». Das ist ein Anbau im Erdgeschoss mit grossen Fenstern. Er setzt sich an den «Panthografen», eine Art Zeichenbrett auf der linken Seite der Maschine, und beginnt mit den Handgriffen, die sein Körper im Schlaf ausführen könnte. Mit dem metallenen Panthografenstift in der linken Hand fährt er über die Linien der vergrösserten Motivzeichnung. Dadurch bewegt sich der straff gespannte Stoff in die richtige Position zu den Hunderten Nadeln, die in einer langen Reihe eingefädelt sind. Mit der rechten Hand dreht er ein Rad, das die Nadelleiste auf den Stoff zu bewegt. Mit zwei Fusspedalen steuert er den Mechanismus, der die Nadeln durch den Stoff treibt und die Fäden auf der Rückseite kreuzen lässt. Es ist das Prinzip einer Nähmaschine, die Füsse geben den Rhythmus vor. Ruhig und gleichmässig vollzieht er immer und immer wieder die gleichen Bewegungen. Vier braucht er für einen einzigen Stich. Handsticker wurden pro 100 Stiche bezahlt. Hollenstein schafft vier Stiche pro Minute. Eine moderne, vollautomatische Stickmaschine macht in derselben Zeit 300 bis 400 Stiche.

FLIESSENDE GEDANKEN. Im Lokal sind unzählige Kisten mit buntem Stickgarn aufgeschichtet. «Die Garne sind 60 Jahre alt. Aber noch immer einwandfrei. » Hollenstein konnte die Lagerbestände übernehmen, als seine Firma in den 90erJahren schliessen musste. Damals war er 57 Jahre alt. «Ich wusste, dass ich danach wieder an die Handstickmaschine zurückgehen würde. » Warum? «Das Sticken lässt einen nicht mehr los.» Die Gedanken fliessen ruhig vor sich hin und man ist gleichzeitig ganz konzentriert. «Es hat etwas von Meditation.» Sogar während wir sprechen, hört Hollenstein sofort, wenn eine Nadel abbricht. Früher war im Stickereilokal nur das Rauschen der Maschine zu hören. «Der Vater wollte, dass Ruhe herrscht. Er musste hören, wenn ein Faden reisst. » Hollenstein gönnt sich heute manchmal Musik, am liebsten Bach.

Der alte Handsticker bekommt immer noch Aufträge. Etwa von Vereinen, die Sportabzeichen brauchen. Ein Abzeichen kostet rund fünf Franken. «Ich habe einen Stundenlohn von etwa 20 Franken», sagt er. Er stickte auch schon Edelweissarmbänder für die einst modischen Jordi Uhren. Häufig stickt er zu seiner eigenen Freude, ohne Auftrag.

INDISCHE INSPIRATION. In seinem niedrigen, über und über mit Zeitungsausschnitten und Stoffballen gefüllten Büro nimmt er einen Stoffcoupon von vielleicht zwei mal zwei Meter von einem Stapel. Es ist ein feiner Stoff mit einem zarten gelben Krönchen und Rankenmuster. «Daran habe ich ungefähr 30 Tage gearbeitet. Verkaufen lässt sich das nie, das ist viel zu teuer. Aber ich hatte einfach Lust, das auszuprobieren. »

Inspiriert wurde er durch eine Frau, die mit ihm in St. Gallen im Oratorienchor singt. «Die hatte so ein indisches Gewand an, das hat mich fasziniert.» Zu Hause hat er versucht, ein ähnliches Muster zu entwerfen. Die Frau hatte sich auch den für Indien typischen roten Punkt zwischen die Augen gemalt. «Der musste natürlich auch drauf», lächelt Hollenstein. Tatsächlich, alle paar Zentimeter taucht ein roter Punkt zwischen den gelben Ranken auf. Ungefähr um halb acht setzt sich Bernhard Hollenstein morgens zum ersten Mal an die Maschine. Ungefähr um 18 Uhr macht er Feierabend. Keines von seinen fünf Kindern, alle inzwischen erwachsen, ist Sticker geworden. Aber fast jeden Tag bekommt Hollenstein ein bis zwei Mal Besuch in seinem abgelegenen Häuschen: Leute, die sich für ihn und dieses historische Handwerk interessieren. Seit einiger Zeit bietet er gelegentlich Stickvorführungen an. Seine Welt zeigt er dabei jedes Mal so liebenswürdig und herzlich, als frage zum ersten Mal jemand danach. Wer mag, darf am Schluss in den Kisten im ehemaligen Lädeli stöbern. Wenn jemand etwas Schönes findet, macht Hollenstein einen guten aber keinen untertriebenen Preis und nimmt still zur Kenntnis, dass der Kauf der Stickerei den Besuchern ein gutes Gefühl gibt. Feine Ware von hoher Qualität, in der Schweiz handgefertigt, das ist zu einem Luxus geworden. Die greifbare Verbindung zu einer untergegangenen Welt, der man das Idyll umso lieber abnimmt, wenn der alte Handsticker selbst es so liebevoll darstellt. Der 72Jährige verlässt sein Idyll jeden Abend und fährt mit dem Auto die halbe Stunde zurück nach St. Gallen, wo er mit seiner Frau lebt. «Sie hat kein Interesse, aufs Land zu ziehen.» Doch vorher setzt er sich oft nochmal an die Maschine und stickt. Jedes Mal wenn die Nadeln den straff gespannten Stoff durchstossen, entsteht ein jähes Geräusch. Der sagenhafte Bernhard Hollenstein ist der letzte Handsticker der Schweiz, und dieses laute Geräusch klingt wie das Auflodern eines Feuers. Es wird ihn sein Leben lang nicht loslassen.

Auf Anfrage empfängt Bernhard Hollenstein Besucher. Information und Anmeldung unter Telefon 071 983 50 67, per EMail oder per Kontaktformular